BARBARA KIRSCH

Schatten der Stadt
JENS MARTIN NEUMANN

Barbara Kirsch hat dem Realismus stets unbeirrt die Treue gehalten, auch zu jenen Zeiten, als das Gegenständliche in der Kunst als Anachronismus galt. Sie erweist sich mit ihren Werken als ausgezeichnete Beobachterin und beschreitet mit nüchternen, unprätentiösen Motiven einen eigenwilligen Weg. Ihre Kunst ist im Letzten eine Spurensuche menschlichen Lebens, sie interessiert der Mensch in seiner körperlichen, psychischen wie sozialen Gesamtheit. Dafür transponiert sie der Wirklichkeit entnommene Bilder aus der herkömmlichen Ebene fotografischen Realismus´ in unsentimentale, jedoch poetische Deutungen.

Ihre wundervoll puristischen, durchaus narrativen Stadtlandschaften bestechen durch das sichere Erfassen geschauter Situationen und die dichte Wiedergabe der erlebten Atmosphäre — oftmals auf ihren zahlreichen Reisen nach Berlin, Tokio oder New York. In schwerer Farbgeste und spröder Delikatesse skizzieren weite monochrome Farbflächen, fleckige Farbteppiche und breite Farbbahnen die spezifischen Strukturen globaler Großstädte mit ihren Architekturen, öffentlichen Orten, Bewohnern oder auch ihrer metaphorischen Leere. Barbara Kirsch fasziniert dieses Wechselspiel zwischen dem Raum, Körper und Licht darstellenden Potential der Malerei und ihrer autonomen malerischen Qualität, wobei hier keine von beiden allein bestehen kann und soll. Das belegen deutlich ihre Figuren, deren Schatten als malerisches Extrakt aus verfestigten Körpern laufen. Schatten sind hier weniger Verankerungen der Figuren im Raum, sondern — das ermöglicht ihr immaterielles Schwarzweiß — zweite autonome Figurenform, die sich mit der Urfigur zu einer neuen, rein artifiziellen Einheit verbinden.

Babara Kirsch zeigt uns alltägliche Szenen, schon vielfach gesehen, wäre da nicht der ungewöhnliche Blick, das strenge Flächenmuster und die expressive Malweise — künstlerische Eingriffe, welche die vertrauten Motive plötzlich fremd erscheinen lassen. Entscheidend sind diese artifiziell freigelegten Zwischenräume, in denen sich das Bild von den Klischees der Welt entfernt, und dort finden wir das große Thema der Künstlerin: „Übergange“, transitorische Momente des Wandels, symbolisiert durch die Metapher der Brücke, einer fahrenden U-Bahn oder der Lebensreise des Menschen durch Großstadtschluchten. Ihnen antworten formale Analogien von farbiger Verfremdung, verschwimmender Kontur und amorpher Farbverläufe. Der größte Schock angesichts ihrer Arbeiten aber ist, dass Barbara Kirsch uns in der gemalten Situation aussetzt, wir an der Intimität der dargestellten Menschen unmittelbar teilhaben oder uns in den großen leeren Flächen selbst begegnen.

Vita

1961geboren in Kiel
1983-1991Studium der freien Kunst an der Muthesius-Kunsthochschule,Kiel(Malerei und Grafik)
Seit 1991Zahlreiche Ausstellungen, Kunstprojekte und Stipendien im In- und Ausland, insbesondere Asien. Vierjähriger Aufenthalt in Japan in den 1990iger Jahren, auch dort viele Ausstellungen und Teilnahme an Kunstprojekten.